Modellrisiko

Aktuelle aufsichtsrechtliche Veröffentlichungen rücken zunehmend ein aktives Management von Modellrisiken in den Fokus. Da es sich bei Modellen allerdings stets um Vereinfachungen der Realität handelt, ist das Auftreten von Modellrisiken an sich kein Negativmerkmal. Eine umfangreiche Kenntnis der Annahmen und Beschränkungen der in einer Bank eingesetzten quantitativen Verfahren ist allerdings von zentraler Bedeutung für ein effektives Risikomanagement. Ein falsches Vertrauen auf Modellannahmen wie Korrelationsabbildungen, Approximationen und Verteilungsannahmen und die Unkenntnis von Beschränkungen einiger Modelle war eine der zentralen Ursachen der Finanzmarktkrise. Diese Erkenntnisse schlagen sich in den aktuellen und zu erwartenden aufsichtlichen Bestimmungen nieder, die unter anderem fordern:

  • Aktuelle Übersicht über alle in der Bank eingesetzten Modelle
  • Kritische Analyse der Grenzen und Beschränkungen, der zugrundeliegenden Annahmen und der einfließenden Daten
  • Quantitative und qualitative Validierung vergleichsweise komplexer Modelle

Im Folgenden stellen wir Ihnen ein Referenzprojekt für das Thema Modellrisikocontrolling vor.

Referenzprojekt der Enrion GmbH
Durchführungszeitraum: 2016
Kunde: Bank

Ausgangssituation

Der Kunde möchte vor dem Hintergrund der aktuellen aufsichtlichen Bestimmungen einen Prozess zur hausweiten Inventarisierung von Modellen, dem Monitoring und der Quantifizierung von Modellrisiken und dem Ableiten entsprechender Steuerungsimpulse implementieren. Dabei soll auf eine technische Lösung zurückgegriffen werden, die durch ein Rechte-und-Rollen-Konzept und eine intuitive Bedienung den abteilungsübergreifenden Einsatz ermöglicht und das Entstehen einer Modellrisikokultur befördert. Bisher wurden Modellrisiken in Form eines pauschalen Aufschlags auf die Risikokennzahlen gewürdigt.

Aufgaben und Anforderungen

Die Enrion GmbH wurde beauftragt, den Modellrisiko-Management-Prozess sowohl inhaltlich als auch technisch zu konzeptionieren. Dies beinhaltet zunächst eine Konkretisierung der aufsichtlichen Anforderungen und die Festlegung von Begrifflichkeiten und Vorgehensweisen zur Kategorisierung von Modellen. Eine Software-Anwendung soll eine Datenbank befüllen, in der die Modelllandschaft der Bank abgebildet ist. Dazu soll die Anwendung eine Kategorisierung von Modellen nach aufsichtlichen Vorgaben ermöglichen, sodass ein klar definierter Prozess zur Identifikation komplexer Modelle festgelegt ist. Die Berater der Enrion GmbH sollen die verantwortlichen Mitarbeiter der Bank dabei unterstützen, die Inventarisierung und Klassifizierung der Modelle vorzunehmen. Weiterhin sollen Konzepte entwickelt werden, wie die aufsichtlich geforderte umfangreiche qualitative und quantitative Analyse von komplexen Modellen auszugestalten ist. Für die im Laufe des Projekts identifizierten komplexen Modelle ist schließlich eine erstmalige Quantifizierung der Modellrisiken auf Basis der gefundenen Konzepte gewünscht. Es soll insbesondere auf einen Wissenstransfer von den Enrion-Beratern zu den Mitarbeitern der Bank Wert gelegt werden, sodass diese in die Lage versetzt werden, den Modellrisiko-Management-Prozess zukünftig selbstständig zu durchlaufen.

Umsetzung von Enrion

Organisiert wurde das Projekt durch ein agiles Projektmanagement, um die für die spezifischen Anforderungen dieses Projekts notwendige Flexibilität zu gewährleisten. Dies bezieht sich insbesondere auf die Tatsache, dass sich die Anforderungen an die Modellrisiko-Datenbank und der Umfang der Quantifizierungstätigkeiten erst im Laufe des Projektes ergaben. So sind viele der Begrifflichkeiten in den entsprechenden Artikeln der MaRisk institutsindividuell zu konkretisieren.

Deshalb, und um dem Anspruch des Wissenstransfers gerecht zu werden, hielten die Enrion-Mitarbeiter begleitend zum Projekt eine Vielzahl von Workshops mit den verantwortlichen Mitarbeitern aller involvierten Abteilungen ab. Im Rahmen dieser Termine wurden zentrale Begriffe wie beispielsweise der des "Modells" und die Kriterien "Einfach", "Transparent" und "Konservativ" abgestimmt und anschließend von den Enrion-Beratern in Checklisten überführt. Diese wurden dann softwareseitig in die Server-Client basierte Webanwendung zur Modellrisiko-Datenbank in Form von interaktiven Formularen integriert. Bei der anschließenden Inventarisierung von Modellen und Modellrisiken unterstützten die Enrion-Berater alle beteiligten Abteilungen.

Nachdem alle Modelle den Inventarisierungs- und Klassifikationsprozess durchlaufen hatten, entwickelten die Berater von Enrion gemeinsam mit den Mitarbeitern der Abteilung Gesamtbanksteuerung Ansätze zur Quantifizierung der wichtigsten Modellrisiken. Hierbei wurde besonderer Wert auf die Kreditportfoliomodelle für das Kunden- und Eigengeschäft gelegt, für welche die Entwickler von Enrion alternative Modellierungsansätze, sogenannte Challenger-Modelle, entwickelt und softwaretechnisch in einer fortgeschrittenen Umgebung implementiert haben. Mit Hilfe dieser Modelle konnten einzelne Modellannahmen und Beschränkungen individuell auf ihre Auswirkung hin analysiert werden. Weiterhin standen Herausforderungen des aktuellen Zinsumfelds für Modelle der Marktpreisrisikomessung und Optionspreisbewertung im Mittelpunkt. Hier konnten die Mitarbeiter von Enrion mit dem Einsatz von statistischen und finanzmathematischen Methoden unterstützen, die diesem Umfeld gerecht werden.

Projektfazit

Die aktive Beschäftigung mit den Annahmen und Beschränkungen der eingesetzten Verfahren hat, insbesondere auch außerhalb der Abteilung Risikosteuerung, bereits während des Projektes verschiedene Steuerungsimpulse ausgelöst. In vielen Fällen fand im Rahmen der Modellinventur eine erste tiefergehende Beschäftigung mit den Grenzen der verwendeten Modelle statt. Es zeigt sich weiterhin, dass eine gelebte Modellrisikokultur auch unter betriebswirtschaftlichen Gesichtspunkten vorteilhaft ist. Mithilfe der intuitiv handhabbaren Webanwendung konnte auch außerhalb der Gesamtbanksteuerung eine hohe Akzeptanz der Modellrisikoinventur erreicht werden. 

Bei der Risikoquantifizierung hat sich herausgestellt, dass vermeintliche Haupttreiber für das Modellrisiko in Wahrheit durch einen pauschalen Risikoaufschlag in der Vergangenheit zu konservativ behandelt wurden. Es zeigt sich insbesondere, dass die zentralen Risikoarten (wie das Adressrisiko) nicht notwendigerweise auch das höchste Modellrisiko-Exposure generieren. Hier wurde also Kapital freigesetzt, das nun zielgerichteter für die echten Modellrisiken verwendet werden und entsprechenden Handlungsbedarf aufzeigen kann.